Der Samurai in der heutigen Zeit

Posted on: August 26th, 2012 by Moshe Kastiel No Comments



Der Wind, angefüllt mit dem Schaum der Meereswellen, bog die Ähren der Felder um. Leise flüsterte er über die Leichen der Krieger hinweg, die auf dem Schlachtfeld liegengeblieben waren. Dabei nahm er die ausfließenden Seelen mit. Das Leben entschwindet mit einem stillen Pfeifton. Die Dunkelheit eroberte langsam den Horizont. Die letzten Krieger schleppten sich erschöpft zu ihrem Lager. Hinter sich ließen sie nur gefallene Krieger, die eigenen zusammen mit denen des Gegenlagers, namenlos, zwecklos, Opfer menschlichen Hasses. Das Schnaufen eines sterbenden Pferdes und ein letztes Geflüster eines Samurai waren zu hören. Die Schlacht war vorbei.

Tage würden vergehen und auf dem gleichen Feld würde Reis angepflanzt werden, und nach vielen Jahren würde die riesige Betonfassade einer modernen Großstadt entstehen. Nur die Schatten der Legenden aus längst vergessenen Geschichten bleiben für diejenigen erhalten, die sich dafür interessieren. Neue Helden übernehmen den Platz der alten Helden.

Die Parallelen zum Samurai aus alten Tagen kann man in der modernen japanischen Gesellschaft finden als Sariman (abgeleitet vom Englischen „salary“, gemeint sind die Angestellten). Anstelle des Schwertes des Samurai haben die Sariman gute Technologien in Händen, ihr Lehnsherr ist die Firma für die sie arbeiten, das Kaisha, und die Treue zum Unternehmen ist absolut. Freilich tragen sie keine langen Haare mehr zu einem Pferdeschwanz gebunden, sondern ihre Haare sind kurz, sie sind anstelle der traditionellen Kleidung nach westlichem Vorbild gekleidet, aber in ihrer Seele sieht man den Samurai. Im westlichen Verständnis können die Samurai wie Menschen erscheinen, die grausam und blutdurstig sind, obwohl der Samurai nach eigenem Verständnis ein Mensch ist, der ein Ideal der Ehrlichkeit, der Bescheidenheit und der harten Arbeit verfolgt. Auch die japanischen Geschäftsleute werden im Westen manchmal als Leute ohne Gewissen und hart in ihren Handlungen interpretiert. Sie selbst jedoch sehen das anderes. Sie handeln im Sinne ihrer Ideale und Vorbilder des Samurai. Von dem Moment an, in dem sich der Samurai zu seinem Herrn gesellt, sind sein Leben und sein Tod einzig und allein im Besitz seines Herrn. Ein Samurai wechselte auch den Lehnsherrn nicht, es sei denn, dieser starb. Auch der Sariman, der neue Samurai, wechselt den Arbeitgeber nicht, sondern verbindet seine Zukunft mit der Zukunft des Unternehmens, er ist dem Unternehmen treu, zu jeder Zeit und über jede Bedingung hinaus. Die Treue ist der größte Wert, sie ist wichtiger als Kreativität, Technologie oder Schläue. Auch ein Mann ohne besondere Kreativität oder Fähigkeiten kann innerhalb eines solchen Gefüges ein wichtiges Element darstellen, insbesondere wegen seiner Loyalität. Die Mentalität des Samurai ernährte sich aus der Philosophie des Zen Buddhismus, der ein Mittel wurde, Fähigkeiten auf verschiedenen Gebieten zu erreichen. Die Selbstdisziplin und die Meditation brachten sie zu einer völligen Kontrolle ihres Seins, sowohl physisch als auch mental.

Auf die heutige Zeit übertragen bedeutet dies, dass er immer auch über die normale Arbeitszeit hinaus im Büro bleiben wird, auf Urlaub verzichten kann und sogar bis an die äußerste Grenze geht – sich selbst bis zum Tod in der Arbeit einzusetzen (Karushi). Hunderte Arbeitnehmer sterben in Japan jährlich an Überarbeitung. Die örtlichen Arbeitsbehörden sagen dazu nichts, um das harmonische Gefüge zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht zu stören. So ist es zum Beispiel üblich, dass einmal im Jahr, meistens Anfang Juni, alle Arbeitnehmer einer Fabrik gebeten werden, auf einem Zettel anzugeben, wann sie in Urlaub gehen möchten. Der gleiche Zettel wird an alle Arbeitnehmer weitergegeben und so erfährt jeder über die Urlaubspläne des anderen. Natürlich will keiner mehr verlangen als die anderen, um die Aufstiegsmöglichkeiten nicht zu gefährden. Ein persönlicher Urlaub hat in Japan den Beigeschmack der Rücksichtslosigkeit gegenüber den Leuten, die im Job bleiben, des Vorzugs persönlicher Interessen vor denen der Gesellschaft, und ein Ausnützen der Gesellschaft zu privaten Zwecken. So sagt man in Japan: „Wenn man in der Arbeitshierarchie aufsteigen möchte, muss man drei eiserne Prinzipien wahren: Nehme keinen Urlaub, komme nie zu spät zur Arbeit und zeige keine Initiative“. Bis vor nur 10 Jahren war es in Japan üblich, diesen Satz zu sagen. Diese Einstellung stammt aus der Feudalzeit und war damals natürlich mit der gleichen Stärke präsent. Die Loyalität des Samurai drückte sich nicht nur in Mut und Selbstlosigkeit aus, sondern auch in einer lebensverachtenden Einstellung. Der Samurai musste in jedem Augenblick bereit sein, sein Leben für seinen Herrn zu opfern. Der passende Ausdruck hierfür war: „Die Bürde ist so schwer wie ein Berg, aber das Leben so leicht wie eine Feder“. Besser war es, sich vorzustürzen als sich zu verteidigen. Ein Pfeil im Gesicht war immer besser als ein Pfeil im Rücken. Besser war es als Held zu sterben als verkrüppelt zu leben. Der buddhistische Glaube unterstützte diese Einstellung, denn wenn das Leben null und nichtig ist, ist es besser, es in Würde auf dem Kampffeld zu beenden. Auf diese Weise wurde in Japan der Buddhismus, der anfänglich jegliche Gewalt verneinte, zur Religion des Kriegers. Wer sein Leben opferte, konnte Ruhm und Ehren ernten. So kommt es auch dazu, dass der Samurai, bevor er sich in den Kampf stürzte, seinen Namen und seine Herkunft laut schrie, so dass jeder wusste, wer er war. Die meisten Kämpfe waren Zweikämpfe. Ein Krieger aus dem einen Lager preschte vor, sagte seinen Namen und seine Würden und forderte jemanden aus dem gegnerischen Lager heraus, sich mit ihm zu messen. Bushido unterstrich die Ehrlichkeit, Makoto. In der japanischen Bedeutung heißt dies Selbstaufgabe und völlige Identifizierung mit dem gesteckten Ziel, so dass die Worte des Samurai wie sein Herz wurden. Der Samurai wurde angehalten, so wenig wie möglich zu sprechen und insbesondere seine Gefühle nicht preiszugeben. Ein wichtiges Erziehungselement war die Ausdauer, das Durchhaltevermögen, Gaman. Das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, und jede Schwierigkeit zu überwinden, ohne sich zu beklagen. Diese Eigenschaften des Bushido sind auch heute noch in Japan als herausragende Eigenschaften geschätzt. Im Laufe der Geschichte haben sie die Japaner dazu gebracht, viele Dinge zu erreichen, aber auch Neid und Grausamkeit entstanden hierdurch.

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